Beat-Club

"Nun ist es endlich soweit. In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für euch gemacht ist. Und Sie, meine Damen und Herren, die Sie Beat Musik nicht so mögen, bitten wir um Ihr Verständnis." Mit diesen Worten kündigte am 25. September 1965 der als Tagesschausprecher bekannte Wim Wieben die erste Folge des Beat Club an. Wenige Sekunden später setzten Ungetüme von Fernsehkameras unter der Regie von Beat-Club Macher Mike Leckebusch vier Männer in Nordstaatenuniformen – die Yankees – ins Bild. Ihr Titel: "Halbstark".

Uschi Nerke interviewt Graham Nash von den Hollies im Mai 1966.

Ein schlicht gehaltenes Fernsehstudio, einige Dutzend adrett gekleidete junge Leute und zwei zuweilen charmant unbeholfene Moderatoren – Uschi Nerke und Gerd Augustin – bildeten den Rahmen des frühen Beat-Club. Die ersten musikalischen Gäste waren zumeist mehr oder weniger bekannte Beat-Bands aus deutschen Landen wie die German Blue Flames, German Bonds, die Boots, die Rattles und die Lords. Zwischen den einzelnen Auftritten sorgte das Bremer Publikum für – aus heutiger Sicht – unfreiwillig komische Tanzeinlagen und Uschi las die aktuellen Top Ten vor. Die erste wirkliche Musiksendung für junge Leute war geboren.

"Negermusik" in Deutschen Stuben

Vater des Beat-Club war der frühere Theaterregisseur und Trompeter Michael Leckebusch, der 1961 zu Radio Bremen gekommen war. Als Koordinator und Regisseur der Sendung setzte er Maßstäbe im Musik-TV, nicht nur in Deutschland. Michael Leckebusch starb im Jahr 2000 mit 62 Jahren.

Sehr schnell wurde der etwa einmal monatlich gesendete Beat-Club zum unverzichtbaren Ereignis für "unsere Teens und Twens", wie es damals hieß. Da der eigene Fernseher im eigenen Jugendzimmer so gut wie nicht vorkam, gab es an den entsprechenden Samstag-Nachmittagen in bundesdeutschen Familien regelmäßig lautstarken Streit. Vielen rechtschaffenen Eltern passte es ganz und gar nicht, dass diese "Negermusik", von Gammlern dargeboten (gängiger Jargon), in ihre Gute Stube flimmerte und einen schlechten Einfluss auf Sohn oder Tochter ausübte.

Dabei war das in den ersten Beat-Club-Folgen gezeigte im Vergleich zu späteren Sendungen recht harmlos. Die Haare der Jungs waren noch relativ kurz, die Kleidung wie in der Tanzschule und die Kommentare artig. Doch erscheint das eben aus heutiger Sicht so. Damals witterte das "Establishment" die Kulturrevolution. Und gemessen an Künstlern wie Gus Backus, Billy Mo und Bert Kaempfert, den Helden der Eltern, mussten die Bands des frühen Beat-Club wohl so erscheinen.

Sehr bald sprach sich auch im Ausland herum, dass Radio Bremen ein interessantes Projekt gestartet hatte. Und so kamen nach und nach immer mehr internationale Künstler in die Hansestadt. Außer den Beatles und den Stones (die übrigens nie selbst in der Sendung waren) betrat zwischen 1965 und Anfang 1967 nahezu alles, was in der Beat-Welt Rang und Namen hatte die Bremer Studio-Bühne, darunter die Hollies (damals noch mit Graham Nash), Dave Dee und Co., die Animals, die Easybeats, Gerry and the Pacemakers, Sonny and Cher, Graham Bonney, die Walker Brothers und the Who. Ein Vorteil gegenüber dem späteren Beat-Club: Fast alle Bands spielten live! Highlights in dieser Phase waren sicherlich die Übertragungen vom DAG-Fest in Hamburg mit den Who, Animals und den Rattles sowie das Gastspiel des Beat-Club im Londoner Marquee-Club.

Die Creme de la Creme im Marquee

Dieses Fernsehereignis vom 11. März 1967 bildete wohl den krönenden Abschluss der ersten Beat-Club-Periode. "Wir konnten damals nicht ins Studio, weil irgendein Fernsehspiel dort aufgezeichnet wurde", erinnert sich Michael Leckebusch in einem NDR-Interview. Also improvisierte er und fuhr mit seinem Team kurzerhand nach London. Dort wurde die Sendung aufgezeichnet, nach Bremen gebracht und von da zeitversetzt ausgestrahlt. Eine Liveübertragung war damals – zumindest dem Beat-Club – nicht möglich. Und diese besagte Folge hatte es wirklich in sich. The Smoke (My Friend Jack), Jimi Hendrix und The Who gaben sich quasi nacheinander die Gitarre in die Hand. Der gerade aufsteigende Hendrix spielte seine Stratocaster mit den Zähnen, Pete Townsend schmetterte den Gitarrenhals in den Verstärker, während Keith Moon sein Schlagzeug vom Podest trat. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Gino Washington und seine Ram Jam Band und Cliff Bennet and Rebel Rouser ebenfalls ihre Songs zum Besten gaben. In dieser Folge moderierte zum ersten Mal der routinierte Hörfunk-DJ Dave Lee Travis von Radio Caroline South an der Seite von Uschi Nerke. Bis 1969 bildeten beide dann auch in Bremen ein Moderatorengespann.

 

Vanilla Fudge präsentierten ihre Version von "You keep me hanging on" 1967

Ab dem Frühjahr 1967 erschien der Beat-Club dann in restauriertem Gewand. Die Studiokulisse kam professioneller daher, Go Go Girls gaben ihre Tanzeinlagen, es gab redaktionelle Berichte über kulturelle Themen und Promis. Ab Folge 35 im September 1968 war der Beat-Club eine Co-Produktion von Radio Bremen und dem WDR, der die redaktionellen Beiträge lieferte. Seitdem verlängerte sich die Sendezeit von einer halben auf eine volle Stunde. Ein großes Manko: Die Bands spielten leider fast nur noch playback. Wer sich lediglich für Stars und Sternchen interessierte, dem dürfte dies nicht viel ausgemacht haben. Für die Freunde ungeschliffener Beatmusik bedeutete diese Veränderung jedoch einen deutlichen Qualitätsverlust. Unter den musikalischen Gästen waren – mit Verlaub gesagt – eine ganze Reihe belangloser Vertreter ihrer Zunft. Namen sollen hier aus Rücksichtnahme unerwähnt bleiben. Immerhin standen in dieser zweiten Beat-Club-Phase auch großartige Bands auf der Setlist. So gehörten die Kinks, Small Faces, The Herd, Manfred Mann und die Hollies zu den Stammgästen. Auch so genannte progressive Gruppen waren darunter, so z.B. The Spooky Tooth, Canned Heat, Steppenwolf, Cream, Blue Cheer und Vanilla Fudge. Aber leider spielten sie alle nicht live.

Beat-Club goes underground

Joe Walsh und seine James Gang 1971 mit "Walk away".

Das änderte sich erst in der zweiten Jahreshälfte 1969. Mit einem Mal brach der psychedelische Underground sich mit Macht Bahn durch den Studioboden des Beat-Club. Bands wie Humble Pie, Ten Years After, Steamhammer, und Man sorgten für ausgedehnte Bluesrock-Orgien. Zu dieser Zeit nahm auch Drave Lee Travis seinen Abschied und wurde für eine kurze Weile von Namensvetter Dave Dee! ersetzt, der seine Band kurz zuvor verlassen hatte. Auf einmal war alles am Beat-Club progressiv. Das Studio war geschmückt mit psychedelischer Malerei, die Bands trugen Matten und Bärte, die Fans schüttelten ihre Mähnen zu endlosen Gitarrensoli und Uschi tauschte ihren Carnaby-Chic gegen den passenden Hippie-Look.

Mit den 70er Jahren wurde der Beat-Club dann farbig. In bunt kamen die experimentellen Live-Clips von Mike Leckebusch erst richtig zur Geltung. Lange vor MTV waren darin poppige Überblendungen, schreiende Bildverfremdungen und irre Farb- und Formenspiele zu sehen. Doch führten diese nie dazu, dass die Bands mit ihrer Musik in den Hintergrund traten. Im Gegenteil. Gespielt wurde nach wie vor live. So improvisierten die Byrds eine viertel Stunde lang Eight Miles high, Iron Butterfly boten ebenso lang ihr Butterfly Bleue. Rory Gallagher zelebrierte seinen schnörkellosen Blues-Rock und Carlos Santana begeisterte mit seinen entfesselten Latin-Rock-Werken.

In den frühen Siebzigern, der Endphase des Beat-Club, traten eine ganze Reihe so genannter Underground Bands auf, die von den Machern zu der Zeit lieber gesehen waren als Pop-Größen wie The Sweet und Middle of the Road. Kompromisse machte man mit T.Rex, Ike and Tina Turner oder Slade. Etwas übertrieben progressiv wirkten Kommentare von Uschi Nerke wie: "Das waren die Move, die in der Hitparade sind. Wer so etwas mag..." Paradox, dass die Move zu jener Zeit eine ausgesprochen experimentelle Phase hatten. Kommerziell war da wenig. Die Chart-Platzierung allein reichte, um ihrem Titel einen schalen Beigeschmack zu verpassen.

Angesagt waren Gruppen wie Mountain, Warhorse oder James Gang. Oder aus Deutschland Frumpy, Birth Control und Amon Düül II. Zu den für mich persönlich besten Darbietungen aus dieser Zeit gehört der Auftritt von Can im Mai 1971. Mit der musikalischen Veränderung, wechselten auch die Themen der redaktionellen Beiträge. Statt Swinging London und Cliff Richard interessierten jetzt der Krieg in Vietnam und die Politrocker Floh de Cologne. Hinzu kamen Specials, so genannte Beat-Workshops, darunter solche Leckerbissen wie der Auftritt von Steven Stills´ Manassas und Steve Miller (dem ebenfalls die Hitparadenplatzierung vorgeworfen wurde). Auch die Doors waren in einem solchen Workshop zu bewundern, allerdings damals – im Jahr 1972 – bereits ohne den verstorbenen Jim Morrison.

Mit dem Jahr 1972 ging auch die Zeit des Beat-Club zu Ende. Die Sendung war dem breiten Publikum zu progressiv, politisch zu eindeutig geworden. Musikalisch fiel das Niveau nach letzten Highlights mit Deep Purple, Grateful Dead und MC 5 deutlich ab. Bezeichnend, dass die letzte Folge ein Special mit den Osmonds war. Und so wird mancher treue Fan der Sendung gedacht haben: So deutlich hätte die abrupte Abkehr von der alternativen Rockmusik nun auch nicht ausfallen müssen. Da war der Cut nach insgesamt 82 Folgen in sieben Jahren wohl die logische Konsequenz. Der Vorhang fiel und der Vorhang öffnete sich ... für den Musikladen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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